Warum wir uns selbst nicht immer die Nächsten sind

Warum wir uns selbst nicht immer die Nächsten sind

„Der Mensch, der mir am nächsten ist, bin ich.“ – singt Falco. Und liegt dabei komplett falsch. Denn dieser Monat hat mir wieder gezeigt, dass wir uns selbst eben nicht immer die Nächsten sind. Ab und an können wir unser Ego ruhig mal beiseite stellen und uns auf das Wichtige konzentrieren: Unsere Mitmenschen.

 

Warum mir dieser Beitrag am Herzen liegt

In den letzten Wochen habe ich viele verschiedene Orte und Menschen gesehen. Die Reichen, die Anarchisten, die Urlauber – und eben auch die Armen. Manchmal verbergen sich die Schicksale eben nicht in dunklen Winkeln und Schatten, wo wir sie nicht wahrnehmen, sondern suchen uns und das Licht – wenn es eben nicht anders geht.


Einer meiner Urlaubsdestinationen war Danzig. Eine großartige Stadt. Viele Künstler, viele tolle schicke Häuser, viel Essen. In Polen kosten Lebensmittel nur einen Bruchteil von unseren Preisen – zwei Pizzen mit zwei Flaschen Mineral (0,5l) kosten hier nur insgesamt knapp 11€. Das mal vorne weggenommen. Und im August findet ein großer Jahrmarkt statt, der sich durch die ganze Innenstadt zieht. Ich saß also gemütlich am Stadtplatz und hatte mir gerade den Bauch vollgeschlagen – mit verschiedensten Leckereien.

Da schlürft ein großer, hagerer Mann zu meinem Tisch und spricht auf Polnisch auf mich ein. Eine dreckige Weste hängt an seinen knöchrigen Schultern und wirkt viel zu groß. Mit milchigen Augen sieht er mich an, ich glaube, ein Auge ist blind, irgendwie schielt er und scheint mit dem rechten Auge nichts zu sehen. Eine rissige Hose, die schon auf den ersten Blick in erster Linie aus Dreck bestehen zu scheint, umgibt seine langen Beine. Natürlich reagierte ich zuerst ablehnend, schaue ihn fragend an, ich will wissen, wovon er spricht. Mit starkem Akzent meint er: „Please…Food..“ und sieht mich zutiefst traurig an. Ich verneine, schüttle den Kopf. Mein Essen ist ja schon weg und meine Geldtasche will ich nun nicht herausnehmen. Man weiß ja nie. Mit hängenden Schultern zieht er zu den nächsten Tischen, jeder Schritt eine Qual und bettelt weiter um nur einen Bissen Essen. Doch niemand gibt ihm etwas ab.

Essen aus der Mülltonne

Mit wachsender Ergriffenheit verfolge ich seinen Weg bis zu einer Mülltonne und mit jedem seiner Schritte zieht sich mein Herz ein wenig weiter zusammen. Es klingt übertrieben, aber dieser Anblick macht mich wirklich, wirklich traurig. Als ein Tourist den Rest seines Essens in die Tonne werfen möchte, streckt der Obdachlose kraftlose seine knöchrige Hand danach aus. Auch dem anderen Touristen fällt der Anblick schwer und überlässt dem Hungrigen die Reste. Jeder Bissen scheint ihn anzustrengen, um das Bisschen zu essen braucht er Minuten. Und da kann ich mir ihn nicht mehr ansehen.

Schwere Schritte, auch für mich

Doch im Gegensatz zu all den anderen Menschen auf dem Platz, die ihn wahrnehmen und den Kopf senkend den Blick abwenden, stehe ich auf und gehe mit klopfendem Herzen zu ihm. Die ersten Schritte fallen mir nicht leicht. Ich habe Angst vor seiner Reaktion, vor den Blicken der anderen und auch vor ihm. Aber mit jedem Meter fällt mir das Gehen leichter. Ob er noch etwas zu essen möchte, frage ich auf Englisch, doch er versteht nicht. So untermale ich meine Frage pantomimisch und er schüttelt langsam seinen Kopf.

Er hätte lieber etwas zu trinken, deutet er mir. Na klar, denke ich, ein Bier kauf ich dir aber nicht. Doch trotz meiner Bedenken nicke ich und weise auf verschiedene Getränkestände. Entgegen meiner Zweifel zeigt der Obdachlose auf eine Flasche Sprite und sieht mich verzweifelt an. Er scheint mir nicht zu glauben, dass ich ihm wirklich eine ganze, volle, neue Flasche kaufen will. Während ich darauf warte, meine Bestellung für das Sprite aufzugeben, laufe ich ein paar Meter weiter und kaufe ein kleines Softeis. Als ich die Flasche Limonade und das Eis ihm überreiche, wirkt er für einen Moment sogar ein bisschen glücklich.

Sprachlos, dafür tränenreich

Seine traurigen Augen strahlen mich an, ein breites Lächeln breitet sich auf seinem vom Wetter gegerbten Gesicht aus. „Thank you!“, flüstert er. „Thank you. Thank you, thank you!“. Er verbeugt sich immer wieder und versucht mit seinen vollen Händen eine betende Geste zu machen.
Ich schenke ihm noch ein Lächeln, dann drehe ich mich um und gehe, ohne nochmals zurückzusehen. Denn hätte ich mich umgedreht, wären mir die Tränen gekommen. Und ich hatte auch schon so genug mit ihnen zu kämpfen.

 


 

Was ich damit sagen will

Nichts von meiner Erzählung ist erfunden. Alles ist so passiert und ich habe rein gar nichts übertrieben dargestellt, sondern bloß 1:1 erzählt, wie es war. Manchmal kann man sich nicht vor der Wahrheit verschließen – auch nicht, wenn es einen ergreift, mitnimmt und schmerzt. Mich hat das ganze nur ein paar Minuten und genau 2€ gekostet. Für ihn war es womöglich einer der schönsten Momenten seit langem. Ganz egal, wie jemand aussieht, egal, was er anhat, manchmal kostet es nicht viel, um einen Menschen glücklich zu machen.

Wir wissen nicht, warum Menschen in ein Elend wie dieses stürzen. Wir wissen nicht, wie weit sie fallen und wie viel Schuld sie an ihrer Lage tragen. Aber kein Mensch hat es verdient, hungern zu müssen. Und niemand hat es verdient, ignoriert zu werden.

Wir sind vielleicht zu oft egozentrisch, aber wir sollten nie vergessen, wie gut es uns geht. Und nie ignorieren, wenn uns jemand um Hilfe bittet. Denn jeder hat sein eigenes Schicksal und schlussendlich brauchen wir alle ab und an ein wenig Unterstützung.

 

Spread some love und kauft doch das nächste Mal dem Bettler vor’m Supermarkt ein Brötchen. Er wird sich freuen und ihr euch auch.

xoxo, eure Ella-Marie



2 thoughts on “Warum wir uns selbst nicht immer die Nächsten sind”

  • Wirklich ein wunderschöner Beitrag, der mich gerade sehr berührt hat. So viel Menschlichkeit, Anteilnahme und Empathie auf einmal habe ich schon lange nicht mehr gelesen.
    Wünsche dir noch einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Julie

    • Liebe Julie, ich danke dir für deine lieben Worte! Es freut mich, wenn dich mein Beitrag berührt hat, das ist für mich wohl die größte Errungenschaft. Ich wünsche dir auch noch einen schönen Sonntag! xoxo, Ella-Marie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.